Über Gebete und Wurzeln in Guangzhou

Travel Guide to Guangzhou

In der heutigen Gesellschaft, in der man sich verwirklichen und theoretisch alles sein kann, was man möchte, ist die Unentschlossenheit groß und die Identitätskrise größer. „Was mache ich? Was ist meine Bestimmung? Bin ich auf dem richtigen Weg? Und vor allem: Wer bin ich?“ – Fragen, die auch ich mir sehr oft stelle, denn mit 25 Jahren, habe ich das Gefühl, mich noch kaum gefunden zu haben.

Das Thema von Integration und Multikulturalität ist vor allem jetzt ein heißes Thema. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe die deutsche Kultur in mir verinnerlicht, aber bin mit zwei weiteren Kulturen aufgewachsen. Mein Vater ist Chinese, meiner Mutter Vietnamesin, und wenn man mich fragt, „was“ (wobei diese Frage ich unerträglich finde) ich bin, ist die Antwort: „Ich bin Deutsch„, meistens nicht zufriedenstellend. Wäre hierbei die korrekte Frage eher „Wo liegen deine Wurzeln?„, antworte ich „In China und Vietnam„.

3 Länder – 1 Person

Nun muss man hierbei aber auch sagen, dass mein Vater in Vietnam geboren ist, also hat er (wie ich), das Licht der Welt in einem fremden Land erblickt, hat eine andere Kultur in sich aufgenommen und diese mit seinen Wurzeln verschmelzen lassen. Und irgendwie finde ich ihn mehr Vietnamesisch als Chinesisch – außerdem ist China wiederum ein großes Land: Chinesen in Hongkong unterscheiden sich wie in Bayern von den Menschen in Berlin oder Peking.

Als ich nun Dank Finnair* die Möglichkeit hatte, nach Guangzhou zu reisen, konnte ich mein Glück gar nicht fassen. Guangzhou ist die Hauptstadt der Guangdong Region, jene Provinz, aus der die Familie meines Vaters stammt. Anders als die Hauptsprache Mandarin, sprechen die Menschen im Süden kantonesisch und ihr müsst wissen, dass die chinesische Sprache zwar nur aus einer einheitlichen Schriftsprache besteht, aber sich diese in 8 verschiedenen Dialekten der chinesischen Sprache unterscheidet. Da ich mit kantonesisch und einem weiteren chinesischen Dialekt, sowie vietnamesisch und deutsch aufgewachsen bin, war kantonesisch, (welche von 70 Mio. Menschen in China alleine gesprochen werden), mir nicht allzu fremd.
Ich selber spreche leider kein kantonesisch, dennoch sind mir einige Wörter, und Ausdrücke sowie Gesten und die Mimik der Menschen so familiär gewesen das ich mich stückweit irgendwie, hier mitten in China, gefunden habe.


Die Sprache, die im Vergleich zum Hoch-Chinesisch sehr hart kling, kam mir so familiär vor, und als wir unseren ersten Programmpunkt, dem Guangxiao Tempel, betraten, war ich wie gefesselt. Der weiße Rauch, der von den langen Räucherstäbchen ausging, hüllte meinen Körper ein, er drang in meine Nase und erinnerte mich an die Räucherstäbchen, die meine Mutter zum Beten benützt. Der Tempel lag mitten in der Stadt, aber in diesem Moment hatte ich das Gefühl, das wir komplett abgeschottet waren und keines der lauten Motorengeräusche der Pkws sich in unser Ohr drängte – nur das leise Murmeln der Menschen, die ihre Gebete, Wünsche und Sorgen mit gefalteten Händen vor dem Gesicht aufsagten, war zu hören.

Über Gebete und Wurzeln in Guangzhou

In der Nähe gab es einen kleinen Schrein in denen Frauen und Männer, aus jeder Altersklasse, sich versammelt hatten, um ihre Runden im Kreis mit einem melodischem Nianfo gemeinsam aufzusagen und zu beten.
Ich bin kein wirklich arg religiöser Mensch, sehe mich aber als Buddhist, welches für mich eher eine Philosophie, als eine Religion darstellt. Das Nianfo, eine Art Vergegenwärtigung von Buddha, ist ähnlich zum Namensgebet im Christentum, und wird durch den Gesang oder der Aufsagung von den Göttern erhört. Als ich nun diesen Gesang hörte, schlug mein Herz schneller und ich muss näher an den Schrein herantreten. Diese Aura, die mich in dem Moment einnahm, war unglaublich. Es war wie, als konnte ich die Hoffnung sowie Freude, aber auch Sorgen der Menschen nur durch die leichte Bewegung ihrer Lippen und Augen sehen. Jede Falte, jedes Haar und jede einzelne Person hatte mich auf irgendeine besondere Art und weiße berührt. Ich fühlte mich wie zu Hause, ich war geborgen und hatte keine Sorgen. Auch ich betete für meine Familie und verlies dem Guangxiao Tempel mit einem wohligen Gefühl.

Die Menschen, die ich während dieser, leider zu kurzen, Reise traf, haben mich aufgenommen, als wäre ich ein Teil ihrer Familie. Die Sprache, das Essen, die Menschen und ihr Lächeln – und auf einmal wurde es mir bewusst. Auch wenn ich vielleicht nicht alles verstand, auch wenn ich in Deutschland aufgewachsen bin und mich mehr als Vietnamesin und Deutsche fühle; China und vor allem die Guangdong Provinz, sind ein Teil meiner Wurzeln und auch ein Teil meiner selbst.
Wie ein kleiner Baum, der sich noch im Wachstum befindet, sich irgendwie in einem anderen Ort wiedergefunden hat und diese Heimat nennt, spürte ich im Kontakt mit der Erde, meine Wurzeln, die so tief in mir schlummerten, auch wenn ich zuvor noch nie in Guangzhou war. Ich bin der Meinung das Reisen nicht nur den Charakter, sondern auch die Seele stärkt – und lasst euch sagen, niemals hätte ich gedacht, dass ich mich mit einer Stadt wie Guangzhou so nah verbunden fühlen konnte.

Ich möchte raus, ich möchte noch mehr sehen, spüren, schmecken, riechen! Ich möchte dann wieder Heim kommen, mich jedes Mal auf der Reise ein Stückchen mehr gefunden haben, diese Bilder von fremden Ländern in meinen Herzen verinnerlichen und diese Geschichten niederschreiben. Für euch, aber auch vor allem für mich. Love, Alice.

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Photo: I heart Alice
*Finnair invited me over to discover Guangzhou
*The opinions expressed here represent my own

6 Comments

  • 2 Jahren ago

    Ich kann mir das schwierig und zugleich auch unglaublich schön vorstellen, drei Nationen in sich selbst vereint zu haben. Danke das du deine Gedanken dazu mit uns teilst.

    Liebe Grüße
    Stephie

  • Elli
    2 Jahren ago

    Hallo liebe Alice,

    ich selber kann deine Lage sehr gut verstehen. Meine Eltern stammen beide aus Kambodscha, haben aber chinesische Wurzeln und sprechen selbst einen chinesischen Dialekt (Teochew), den ich auch sprechen kann – bin selbst aber in Deutschland geboren.
    Wenn ich Leute kennenlerne und die mich fragen, woher meine Eltern stammen, gehen alle gleich davon aus, dass ich natürlich kambodschanisch sprechen kann. Was ich aber nicht kann, da meinen Eltern es persönlich wichtiger war, den chinesischen Dialekt weiterzuführen, den heutzutage nur noch wenige sprechen können. Ich bin auf viel Unverständnis gestoßen, letztens hat sogar Einer gemeint, dass das ja nicht sein kann, dass meine Eltern mir die kambodschanische Sprache und somit auch meine Wurzeln mir nicht weitergegeben haben. Und wie schade das ist.
    Ich kann verstehen, dass das schwierig ist, wenn man verschiedene Wurzeln und Kulturen in sich trägt und doch manche Menschen, diese Multikulturalität irgendwie nicht greifen können. Dabei sind Menschen in ihrem Leben doch immer gewandert.

    Ich kämpfe auch bis heute mit dieser Identitätsfrage, habe aber das gut lösen können, als ich vor einigen Jahren ein schönes Gespräch mit einem Menschen hatte, der mir folgenden Tipp gegeben hat:
    Es ist ein Geschenk, mit mehreren Kulturen aufgewachsen zu sein, jedoch trägt jede Kultur sowohl positive als auch negative Eigenschaften in sich. Wähle selbst die positiven Eigenschaften aus deinen Kulturen heraus, die dich als Menschen in deiner Persönlichkeit und deinem Charakter bereichern.

    Mir hat dieser Ratschlag damals sehr geholfen und den trage ich auch heute immer noch in mir. Vielleicht hilft er dir auch 🙂

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